Das Enneagramm PDF  | Drucken |

Enneagramm - was ist das?
Das Wort 'Enneagramm' kommt aus dem Griechischen und bedeutet etwa "Neuner-Raster". Es ist eine Menschenkunde und eine Lebens-Landkarte. Die Lehre des Enneagramms geht wohl auf die Wüstenväter und auf den Sufismus zurück. Seit einiger Zeit wird das Enneagramm auch von PsychologInnen und SeelsorgerInnen im Westen angewendet.

Neun Spiegelbilder
Das Enneagramm unterscheidet neun Spiegelbilder und drei Grundtypen entsprechend menschlicher Grundbedürfnisse:

  • Bauch- oder Körpertypen: für sie sind Selbständigkeit, Autonomie, Platz-haben wichtig
  • Herz- oder Gefühlstypen: Beziehungen sind zentral, Verbindung mit andern, auch Abhängigkeit
  • Kopf- oder Denktypen: stellen die Sicherheit über alles und bewegen sich von andern weg.

Alle Menschen haben diese verschiedenen Bedürfnisse. Bei den meisten wird jedoch eines mit mehr Energie versorgt - auf Kosten der andern. So bauen wir unser Verhalten zu einem Grundmuster auf, das immer wieder automatisch einklinkt. Dadurch sehen wir die Welt unter dem beschränkten Blickwinkel unserer Gewohnheit. Wir leben nur noch eine kleine Auswahl aus allen Möglichkeiten, die wir früher hatten. Wir klammern uns an "uns selbst" bzw. an das, wovon wir meinen, wir seien es.

Befreiung
Durch das Enneagramm beobachtet man sich in seinen eingeschliffenen Mustern und Macken genau und nimmt sie intensiv wahr. So ist man nach und nach seinem Muster weniger ausgeliefert. Ein Weg zur 'Quelle' des Lebens tut sich auf. Für viele ist das Enneagramm eine Tür zur spirituellen Erfahrung geworden: sie wissen sich angenommen - trotz aller Selbstüberforderung.

Verständnisvoller werden
Mit dem Enneagramm verstehen wir uns selber tiefer - samt den Seiten, mit denen wir uns schwer tun und den Mitmenschen oft schwer fallen. Wir können uns akzeptieren.
Wir fühlen, wie alle andern ihre Licht- und Schattenseiten haben. Kein Typ ist besser als die andern. Wir bekommen mehr Verständnis mit ihnen. Das verändert unser Zusammenleben und -arbeiten in Partnerbeziehungen, in Arbeitsteams und in Gruppen.

Ein Spiegel der Seele -
Eine psychologische und spirituelle Einführung ins Enneagramm

Das Enneagramm stellt neun verschiedene Persönlichkeitstypen dar, die sich aus einem Grundmodell ableiten. Diesem Grundmodell liegt der unterschiedliche Gebrauch dreier Hauptzentren zugrunde: Kopf-, Gefühls- und Bauchzentrum. Durch diese unterscheiden sich die neun Typen des Enneagramms grundlegend voneinander. Es beschreibt dabei nicht nur Verhaltensweisen, sondern auch die seelische Dynamik des Unbewussten, ähnlich der Tiefenpsychologie.

Im Kern und seit seinen Ursprüngen, die leider nicht bekannt sind, beinhaltet das Enneagramm nebst der psychologischen auch eine spirituelle Dimension. Es beschreibt verschiedene 'spirituelle Krankheiten', den Menschen als einer aus seiner göttlichen Mitte, bzw. aus der Liebe gefallenen Existenz. So gesehen beschreibt das Ennegramm neun (defekte) Strukturen der Persönlichkeit und des Egos. Solange der Mensch jedoch aus eigenem Antriebt versucht zu Liebe, Idenität und Selbstwert zu gelangen, verfehlt er seine Erlösung.

Das Enneagramm beschreibt auch die Dynamik, wie sich die Persönlichkeit verändert, wenn diese Ego-Struktur ein Stück weit abgelegt werden kann. Das Enneagramm dient also als 'Seelenspiegel' der konkreten Selbsterkenntnis, insbesondere des eigenen Schattens, und beschreibt - einer Landkarte gleich - den Entwicklungsweg. Das Enneagramm beschreibt nichts anderes, als es jede echte Mystik seit jeher tat, nur viel konkreter, weil das heute bekannte psychologische Wissen einbezogen werden kann.

Glaubensweg und Alltagsleben
Das Enneagramm hat verschiedene Wurzeln, unter anderem auch christliche, die ins 4. Jahrhundert zu den sogenananten Wüstenvätern, den ersten christlichen Mönchen, zurückreichen. Einer der bekanntesten, Evagrius Ponticus, zählt z.T. sieben, z.T. acht, z.T. neun verschiedene "Todsünden" auf, denen jeder Gott suchende Mensch auf seinem Weg begegnet. Daraus hat sich die katholische Lehre der sieben Todsünden und der sieben Kardinaltugenden entwickelt, die genau der Logik des Enneagramms entsprechen und in vielen katholischen Orden als Hilfsmittel benutzt werden, das eigene Verhalten im Alltag zu beschreiben und zu läutern.

Das Enneagramm beschreibt zwar den Weg, jedoch nicht die Quelle, weshalb es diese in der Bibel und in der christlichen Tradition als "Umkehr" und "Heiligung" beschriebenen Möglichkeiten überhaupt gibt. Darauf geben die Religionen unterschiedliche Antworten, wovon die christliche lautet: Gott liebt den Menschen in Jesus Christus - bedingungslos.

Obschon das Enneagramm spirituelle Dimensionen beschreibt, ist es selbst keine Religion. Es macht jedoch zentrale religiöse und christliche Wahrheiten sehr konkret, indem es beschreibt, wie die Sünde und die Gnade im Alltag der neun Typen der Persönlichkeit erlebt werden - und wo und auf welche Weise Menschen für religiöse Wahrheiten und Erfahrungen offener, im Hinblick auf welche sie jedoch verschlossener sind.

Auf Befreiung hin wachsen
Für viele Menschen ist die durch das Enneagramm ermöglichte vertiefte Selbsterkenntnis wichtig für das eigene Wachstum im Glauben. Andere benutzen nur die psychologischen Dimensionen des Enneagramms. Vor allem im Bereich des Zwischenmenschlichen - insbesondere in Paarbeziehungen - ist das Enneagramm ein hervorrragendes Werkzeug, einander besser zu verstehen und die Hintergründe von Konflikten zu erkennen. Auch in Europa wird das Enneagramm unterdessen auch im beruflichen Bereich eingesetzt, sei dies in Therapie und Beratung oder auch im Bereich der Personalführung.

Das Enneagramm in der Schweiz
Geschichte und Entwicklung der Enneagramm-Arbeit in der Schweiz

Das Enneagramm nahm in der Schweiz seinen Anfang mit dem 1989 vom amerikanischen Franziskaner Richard Rohr und dem lutherischen Pfarrer Andreas Ebert veröffentlichten Buch Das Enneagramm - die 9 Gesichter der Seele. Die ersten Kurse zum Enneagramm in der Schweiz entstanden ab 1991 an verschiedenen Orten (Zürich, Ettiswil, Schloss Hünigen). Vor allem in Zürich verbreitete sich das Enneagramm in der kirchlichen Erwachsenenbildung. Dr. Samuel Jakob und die Psychologin Johanna Huber boten dazu ab 1992 mehrere Weiterbildungskurse für Pfarrer/innen und kirchliche MitarbeiterInnen an.

Von Anfang an wurde eine möglichst gesamtschweizerische Vernetzung und Weiterbildung sowie eine Öffnung für verschiedene Traditionen im Umgang mit dem Enneragramm angestrebt. 1996 gründete Dr. Samuel Jakob dem Arbeitskreis spirituelle Didaktik des Enneagramms.

Ein grosser Teil davon gibt das Enneagramm selbst weiter in Kursen, Gruppen oder Beratungen. Das Enneagramm wird unterdessen nicht nur im Programm vieler kirchlicher Bildungshäuser angeboten, sondern vermehrt auch in Kirchgemeinden und Pfarreien. Bewährt haben sich Wochenende und Langzeitgruppen.

Kommentierte Bibliografie (PDF-File) zusammen gestellt von Hans Peter Niederhäuser.